HERR FABU

Head of Shoulders

☑ Hyper, Hyper & Brain Crack

— 25. Januar 2012, 14:32 Uhr • Leben, Netz


(Bild: Ze Frank & BitmapData Glitch Generator)

Ein weiser Mann sagte mal: »Das Problem mit verdammt guten Ideen ist, dass sie einen daran hindern, andere verdammt gute Ideen in die Tat umzusetzen.«

Vor einiger Zeit telefonierte ich mit Jeremy und wir unterhielten uns über (gute) Ideen und wie schade es sei, nur einen geringen Bruchteil der kreativen Hirngespinnste über die Idee hinaus auf die Welt loszulassen. Jeremy erwähnte in diesem Kontext ein altes Video (2006) von Ze Frank, in dem der Netzaktivist von sogenanntem Brain Crack spricht. Er meint damit Ideen, die man im Geiste mehr und mehr ausschmückt. Theoretische Großartigkeiten, die praktisch beflügeln — doch anstatt Nägel mit Köpfen zu machen, flüchtet man sich in Ausreden und Projekte verlaufen sich im Sand. Daraus entsteht ein ständig rotierender Ballast, der sich letztlich negativ auf das ganze Schaffen auswirkt.


(YouTube-Direktcrack)

Ze Frank hingegen ist jemand, der eigene Ideen möglichst schnell realisiert, um nicht ins Stocken zu geraten. Scheitern wird in Kauf genommen und als Erfahrung verbucht, die dem theoretischen Erfolg vorzuziehen ist. Logisch.

Hallo. Mein Name ist Fabu und ich bin abhängig von Brain Crack.

Wer mich und mein Auftreten im Netz schon etwas länger verfolgt, wird womöglich mitbekommen haben, dass ich dazu neige, große Dinge anzukündigen, die dann leider oftmals nach einer gewissen Zeit verpuffen. Das liegt nicht daran, dass in mir Zweifel aufkeimen, die gegen eine Umsetzung sprächen. Nein. Es ist viel mehr so, dass mir ständig neue Ideen in den Sinn kommen, die zuvorige Ideen nach hinten drängen, was unter dem Strich zu einer Verstopfung der Produktivität führt. Also wird fleißig verschoben und ignoriert, um den Stillstand erträglicher zu machen. Hinzu kommt, dass allein das Verkünden einer Idee zu einer Belohnung führen kann. In der Psychologie spricht man vom Belohnungsaufschub.

»(…) Dabei wird auf eine unmittelbare (anstrengungslose) Belohnung zu Gunsten einer größeren Belohnung in der Zukunft verzichtet, die allerdings entweder erst durch Warten oder durch vorherige Anstrengung erlangt werden kann.«

Übersetzt heißt das dann wohl: Fresse halten, machen!

Es mangelt nicht an Werkzeugen, sondern am entscheidenen Schritt, die Werkzeuge effizient zu nutzen, ohne der Selbstlüge zu erlegen. Ich kann noch so viele Geistesblitze abfeuern, notieren, skizzieren, perfektionieren und doppelt unterstreichen — ohne einen richtigen Abschluss, sprich: die Realisierung, befinden sich am Ende des Tages in der Lohntüte höchstens ein paar Schulterklopfer. Und die stammen in der Regel aus der eigenen Kasse.


(Bild: Wunderlist)

Ich habe wirklich vieles probiert: ToDo-Listen, ToDo-Spiele, in der Wohnung verteilte Notizen, Gespräche, Programme, Scheuklappen, Masturbation, Sport und Vitamin A bis Z. Dennoch setze ich maximal 10% meines Potentials um. Und das bezieht sich ebenso auf das Privatleben.

Nun könnte man meinen, ich bekäme rein gar nichts auf die Reihe, was so nicht stimmt. Superlevel läuft wunderbar, meine Reputation im Netz ist durchaus zufriedenstellend und Auftraggeber geben mir auch nicht das Gefühl, meine Leistungen wären ein Griff ins Klo. Dennoch bin ich mit dem Ist-Stand mehr als unzufrieden. Etliche private und berufliche Projekte und Ideen schlagen in meinem Kopf Purzelbäume und ich muss einen Weg finden, diszipliniert damit umzugehen, um in absehbarer Zukunft Früchte ernten zu können. Die Alternativen sind Stillstand und Frustration und Artikel, in denen man von Stillstand und Frustration spricht.

Werte Leserinnen und Leser, wie geht ihr mit Brain Crack um? Wie schafft ihr es, konsequent Worten Taten folgen zu lassen? Muss ich dafür eine Hose tragen? Hoffentlich nicht.


(YouTube-Direkthyper)

10 Kommentare zu “☑ Hyper, Hyper & Brain Crack”

rotor25. Januar 2012 um 14:52 Uhr

Jahrelang abhängig von Brain-Crack, kein Ausweg gefunden. Hänge jetzt jeden Tag an Plätzen rum wo auch andere Abhängige zu finden sind. Agenturen, Co-Working Spaces, “Kreativen”Foren etc. Offene Szene sozusagen.
Das schlimmste ist, wenn man einen guten Stoff gefunden hat – und jemand anders die Idee umsetzt, dann wirkt es nämlich nicht mehr. Kalter Entzug, instant!
ZeFrank ist ein Held. Vielleicht macht er ja irgend wann eine Entzugsklinik auf, ich wäre sofort ein Kunde/Patient.

Matt25. Januar 2012 um 14:59 Uhr

Der Artikel bringt mein Dilema perfekt auf den Punkt. Bei HerrFabu gibt es echt Quality-Content. Bitte weiter so…

Ab morgen wird bei mir alles anderes… bis zur nächsten Schleife…

Bob25. Januar 2012 um 16:29 Uhr

À point…
bei mir genauso.. und jedes Jahr am 31. Dezember, sage ich mir es wird sich ändern..
jetzt ist schon ende Januar und nichts ist passiert…
brain crack fuck you!

Daniel25. Januar 2012 um 22:42 Uhr

“[ein Projekt weist] auch nach jahrelanger, gewissenhafter Ausarbeitung immer
noch zu verbessernde Abschnitte auf [...]! Wird dem eine zu große Bedeutung beigemessen, erreicht die Arbeit nie eine abgabefähige Form. Ein zu hoher eigener Qualitätsanspruch kann kontraproduktiv sein! ‘Ein gutes Pferd springt nie höher, als es muss!!!'”

Ist sozusagen Gesprächstherapie für Brain Crack Süchtige, die promovieren oder Abschlussarbeiten schreiben, aber trifft wohl auch hier zu. Irgendwann kommt man an den Punkt, wo man sagt: Fertig machen, egal wie. Und dann wird es am Ende doch noch gut, auch wenn man es vorher nicht glauben mochte…

Dom26. Januar 2012 um 11:08 Uhr

Wow, das ist… erstaunlich übertragbar auf meine Art und Weise, Ideen und Projekte anzugehen. Wird Zeit, die Prinzipien der Outputmaschine namens Gehirn mal von Grund auf umzukrempeln.

SenorKaffee26. Januar 2012 um 13:18 Uhr

Ich halte die Idee an sich für ziemlich wertlos – die gibt es tatsächlich wie Sand am Meer und die Leute, die jede einzelne ihrer Ideen erstmal patentiert haben wollen, haben da offensichtlich ein Defizit. Wer mir die Idee von heute klaut, hat nichts von meiner Idee von morgen.

Was einen Wert hat, ist die Umsetzung. Oder wie es im Text stand – Fresse halten, machen.

Bin auch ein großer Freund des “Cult of Done”-Manifestos. http://www.brepettis.com/blog/2009/3/3/the-cult-of-done-manifesto.html

Die Ideen, vor denen ich seit Jahren geistig davonlaufe, werden dadurch nicht besser, sondern ein Klotz am Bein. Dann lieber ausprobieren, scheitern, nächster Versuch.

Manu31. Januar 2012 um 20:59 Uhr

Ich kann Dir nicht erklären, was ich anderes mache, aber ich bin von Natur aus eher ungeduldig, was mir wohl dabei hilft, an Ideen nicht zu lange zu grübeln sondern sie eher direkt auszuprobieren. Wenn mich was reitet, dann will ich es am liebsten auch direkt umsetzen und hasse es, zu warten. Ich wünsche mir dagegen öfter mehr von Deiner beschriebenen Gegenseite, weil dann manche Dinge dadurch evtl. zu voreilig geschehen.

Andre7. Februar 2012 um 01:04 Uhr

Tja, dem erliege ich auch jeden Tag aufs Neue. Von Anfang an, alles komplett durchzuplanen, um auf schnellsten Wege “durchzukommen” ist meist zu viel “vorgenommen”. Kreativität ist spontan und hat eher was mit Chaos zu tun. Nun, so manches Chaos lässt sich eben nur ganz ganz ganz schwer ordnen. Nimm doch lieber die Ideen mit hinter denen du auch was vermutest. Was mir immer beim aussortieren hilft mich selbst zu fragen: “Brauchen man das wirklich?” … “Hat die Welt darauf gewartet?” … meistens höre ich dann ein ganz ganz ganz leises “nein.” … Vergessen werde ich die Idee zwar nicht, aber so setzte ich meine Prio. :)



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